Quallenplage statt Badespaß?
Jedes Jahr kommen sie früher: Die Quallenschwärme werden zu einem echten Problem im Mittelmeer, und ganz besonders auf den Inseln. Während die Nesseltiere früher nur gelegentlich in den Sommermonaten badefreudige Strandurlauber vergraulten, werden sie dieses Jahr schon im Winter an die Küsten der Balearen geschwemmt. Diesen Sommer droht daher eine regelrechte Plage.
Dabei sind nicht alle Quallenarten gefährlich. Traditionell gelten die ungiftigen Segelquallen Velella velella als erste glibberige “Besucher” der Inseln. Sie gelangen im Frühjahr von der Nordküste Afrikas in die Gewässer der Balearen. Laut Meeresbiologe Josep Maria Gili folgen sie dabei der gleichen Route wie auch die Flüchtlingsschiffe.
Qualle mit eigenem Segel
Die Segelqualle wird vom Wind zu uns getrieben. Die kleinen, bläulich-lilafarbenen Gebilde verfügen, wie ihr Name schon verrät, tatsächlich über ein membranartiges Segel, das aus dem Wasser herausragt. Die Wege dieser Schwärme bestimmt der Wind. Bläst dieser ständig aus einer Richtung, werden die Quallen irgendwann an Land geblasen und vertrocknen dort, wobei sie einen äußerst unangenehmen Geruch verströmen. Damit niemals alle Tiere eines Schwarms sterben, hat Mutter Natur vorgesorgt: Pro Schwarm gibt es immer zwei Unterarten, deren “Segel” in jeweils verschiedene Richtungen zeigen. So ist dafür gesorgt, dass zumindest die Hälfte der Quallen überlebt. Während die ungefährliche Segelqualle durch ihren Aufbau fasziniert, sind andere Quallenarten weniger harmlos: Die Feuerqualle Pelagia noctiluca erreichte die Insel bisher erst ab Mai oder Juni, in diesem Jahr wurden jedoch bereits im Januar dreißig verschiedene Schwärme in den Gewässern vor der Costa Brava entdeckt – es ist also nur eine Frage der Zeit, wann die giftigen Nesseltiere von dort aus per Meeresströmung die Inseln erreichen. Die Feuerqualle ist zwar für den Menschen im Normalfall nicht lebensgefährlich, eine Begegnung mit ihr ist trotzdem unerfreulich: Die Nesselkapseln auf den Tentakeln der Weichtiere enthalten Gift, das zum Fang von Beute und als Schutz vor Feinden dient. Diese Nesselkapseln durchdringen auch die menschliche Haut, die sich nach Kontakt mit den nahezu durchsichtigen Tentakeln der Medusen rötet. Gleichzeitig löst das Gift einen stechenden Schmerz und Blasenbildung aus. Schmerzen und Blasen verschwinden nach mehreren Tagen. Für Schlagzeilen sorgte die Feuerqualle im November letzten Jahres: Ein riesiger Scharm der Tiere hatte eine Fischfarm vor Irland komplett vernichtet. Das galt bis dahin als undenkbar, gingen die Forscher doch davon aus, dass der Atlantik viel zu kalt für die Feuerqualle sei. Dass die Baleareninseln auch dieses Jahr wieder von den Feuerquallen heimgesucht wird, gilt als ausgemacht. Die dritte weit verbreitete Quallenart wird meist erst im Spätsommer auf die Inseln zu getrieben: Die Spiegelei-Qualle verdankt den Namen ihrem Aussehen und ist häufiger auf Menorca zu finden als auf Mallorca.
Das Wasser wird immer wärmer
Meeresbiologe Gili erklärt, warum Quallen ausgerechnet die Inseln als erste heimsuchen: “Am Festland verhindern natürliche ablandige Strömungen von Flüssen, die ins Mittelmeer münden, dass die Medusen an die Küste gelangen. Über solchen Schutz verfügen die Inseln nicht.” Offensichtlich sind Ibiza und Menorca von der Qualleninvasion stärker betroffen als Mallorca, auch wenn die Forscher keine Erklärung dafür haben, warum das so ist. Allerdings kennen sie die Ursachen für die ständige Zunahme der Quallenschwärme: Die Meerestemperaturen steigen. Gerade in diesem Winter ist kaum Regen gefallen, der sonst für eine Abkühlung des Meerwassers sorgt.
Düngemittel vermehren das Plankton
Düngemittel, die durch Abwässer ins das relativ geschlossene Mittelmeer fließen, lassen das Hauptnahrungsmittel der Medusen, Plankton, prächtig gedeihen. Dazu kommt, dass die natürlichen Feinde der Quallen durch Überfischung des Mittelmeeres nahezu ausgerottet sind. Dies gilt sowohl für Schildkröten, für die Nesseltiere eine ausgesprochene Delikatesse darstellen, als auch für Raubfische wie Tun- und Schwertfisch und Krustentiere, die sich ebenfalls von Quallen ernährten. Enric Sala, Meeresbiologe und Mitglied des spanischen Wissenschaftsrates, findet drastische Worte für einen Blick in die Zukunft: “Wenn nicht ganz schnell etwas passiert, ist das Mittelmeer im Jahr 2050 eine Suppe aus Quallen und Mikroben.” Als Lösung fordert Sala von der spanischen Regierung, die Fischerei im Mittelmeer nicht mehr staatlich zu fördern, die Flotten zu verkleinern und einen nachhaltigen Fischfang zu propagieren, der sich auch in den Marktpreisen niederschlagen muss. Alexandra Wilms
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