30.000 Möwen ohne Futter
Große Schwingen, scharfe Schnäbel und ein unbändiger Hunger: Wenn Möwen nichts zu fressen finden, werden sie aggressiv. Und dass sie demnächst hungriger sein werden als sonst, steht schon jetzt fest: Mallorcas größte Müllkippe Son Reus wird im Laufe dieses Jahres endgültig geschlossen, und die weit über 30.000 Möwen, die sich von den organischen Überresten auf der Mülldeponie ernähren, könnten zum Problem werden.
Denn die Seevögel, die sich eigentlich von Fischen und anderen Meerestieren ernähren sollten, haben ihren natürlichen Jagdgründen längst den Rücken gekehrt. “Für die Vögel sind offene Müllkippen eine Art Self-Service, und wir haben ihnen mit Son Reus 365 Tage im Jahr ein umfassendes Nahrungsangebot geliefert”, so der Direktor für Abfallwirtschaft, Guillem Riera.
Doch was passiert bei Schließung der Müllhalde? Ziehen die hungrigen Vögel über die Insel und attackieren bei ihrer Suche nach Futter Kinder und Erwachsene auf Pausenhöfen, Golfplätzen und an Stränden, ähnlich wie in Alfred Hitchcocks Klassiker “Die Vögel”? Eine Untersuchung im Auftrag des Inselrates hat sich jetzt mit den Folgen der Schliessung beschäftigt.
Auch wenn Riera vorwegschickt, dass die Studie von einem worst-case-Szenario ausgeht, das so nicht eintreffen wird, sind die zu erwartenden Auswirkungen beunruhigend. Die als “Ratten der Lüfte” bekannten Tiere werden zunächst in der Umgebung auf Futtersuche gehen. Fündig werden sie in den Abfallcontainern der großen Supermärkte, in öffentlichen Parks und auch auf Terrassen von Restaurants.
In Wohngebieten ist in der Anfangsphase ebenfalls mit Belästigungen in Form von Lärm und Möwendreck zu rechnen. Die Fäkalien der Tiere können dabei zu einem ernsthaften Problem werden, denn Möwen, die sich auf Müllkippen ernährt haben, sind gefährliche Salmonellen-Überträger.
Die Studie ruft daher zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen auf Pausenhöfen und in Parks auf, wo Kinder auf der Erde spielen und so mit dem Kot der Vögel in direkten Kontakt kommen können.
Eine weitere ernst zu nehmende Gefahr könnte am Flughafen entstehen. Das nahe gelegene Feuchtgebiet wird viele der Möwen anziehen. Ein Möwenschwarm, der mit einem Flugzeug im Landeanflug kollidiert, kann ernsthaften Schaden an der Maschine anrichten und die Flugsicherheit gefährden.
Für den Flugplatz empfiehlt die Studie deshalb, auf einen bewährten Feind der Möwen zurück zu greifen: Schon in Son Reus hatten extra abgerichtete Falken Jagd auf die Möwen gemacht, um sie so zu vertreiben. Zumindest kurzfristig scheint diese Methode Erfolg zu haben.
Die gute Nachricht: In ein paar Monaten dürfte die Möwenplage zum Glück vorbei sein. Forscher gehen fest davon aus, dass sich ein Großteil der intelligenten Tiere früher oder später auf noch bestehende, offene Müllkippen auf Menorca, Ibiza, dem Festland und auch Südfrankreich verteilen werden.
Alexandra Wilms
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