Sonne, Strand & Sorgen
Kevins* Augen scannen die vorbeigehenden Passanten, bis sein Blick auf zwei jungen Frauen haften bleibt. Mit einer aufgeklappten Speisekarte macht er einen entschlossenen Schritt auf sie zu, seine Mundwinkel verziehen sich gekonnt zu einem schelmischen Lächeln. Dann folgt einer der vielen Sprüche, mit denen Kevin Tag für Tag versucht, möglichst viele Gäste in das Restaurant zu locken: “Ahoi Mädels! Alles im Lot auf dem Boot?” Beide gucken ihn irritiert an. “Schon gegessen?” Sie bleiben stehen.
Der nächste Spruch muß perfekt sein, noch sitzen sie nicht: “Wie wär’s - wir zaubern für euch die beste Paella weit und breit und ihr verschönert unser Restaurant mit eurer Anwesenheit?” Kurzes Beratschlagen der Freundinnen, dann ein Lächeln – gewonnen! Sie setzen sich.
“Ahoi Mädels! Alles im Lot auf dem Boot?”
So wie Kevin haben auch viele andere Deutsche den Traum von einem Lebensstil, der Sonne, Strand und Sangria statt Sorgen und Stress verspricht. Wird die Arbeit als “Ticketero” aber nicht nur als Ferienjob, sondern über Jahre ausgeübt, beginnt häufig der soziale Abstieg. Die jungen Leute arbeiten bis spät in die Nacht, die Bezahlung ist gering und feste Tarife gibt es meist nicht.
Die mediterrane Traumwelt bröckelt
Noch macht Kevins Begeisterung für das Leben auf Mallorca eine Sieben-Tage- Woche mit mehr als zehn Arbeitsstunden pro Tag für ihn erstrebenswert. Doch die mediterrane Traumwelt an der Playa de Palma bröckelt langsam aber sicher vor sich hin. Denn die Bewerber werden oft, ähnlich wie bei Drückerbanden, mit Prämien und Gehaltssteigerungen gelockt, die fast nie erreicht werden. Oft wird den Jugendlichen gar kein Fixgehalt gezahlt. Die Entlohnung erfolgt dann allein auf Provisionsbasis.
Keine Gäste, kein Geld
Dass bei hoher Einsatzbereitschaft dabei ein ordentliches Gehalt erreicht werden könne, betonen die Arbeitgeber gern. Dass der Verdienst bei schlechtem Geschäft trotz vollem Einsatz nahezu ausbleibt, bleibt bei vielen Arbeitgebern unerwähnt. Darüber, dass viele solcher Jobs nicht legal sind und ihre Ausübung mit enormen Bußgeldern geahndet wird, machen sich begeisterte Bewerber häufig keine Gedanken. Viele der Arbeitnehmer haben ausserdem keinerlei Absicherung im Krankheitsfall oder bei Unfällen, von einer Rentenversicherung ganz zu schweigen. Das spanische Arbeitsministerium in Madrid geht denn auch davon aus, dass die Mehrzahl der Arbeitsverhältnisse in diesem Sektor illegal sind.
Jeder ist seines Glückes Schmied
Auch in Internetforen über Mallorca wird die Problematik des sozialen Abstiegs in El Arenal und anderswo immer häufiger diskutiert. Ein User mit dem Nickname “Hannes” erklärt: “Dass die meisten Deutschen hier an der Armutsgrenze leben, liegt nicht an Mallorca, sondern an den Einwanderern selbst! Viele sind bereits in Deutschland gescheitert und denken nun, dass es im Ausland einfacher sei. Wer in Deutschland sein Leben nicht auf die Reihe bekommen hat, wird es auch hier nicht schaffen!”
Susanne Rietfort
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