Lebensmittel zum halben Preis
Durch die Wirtschaftskrise ist auf Mallorca eine neue Branche entstanden, deren Existenz vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen wäre: Immer mehr verarmte Hausfrauen beauftragen Diebe, ihren “Einkauf” für sie zu erledigen.
Zwei zentrale Plätze in Palma kennt die Polizei als Treffpunkte für die Abwicklung solcher Geschäfte. „Die Frauen drücken ihren Einkaufszettel Junkies oder Kleinkriminellen in die Hand. Die klauen, was auf den Zetteln steht, liefern die Beute ab und erhalten dafür exakt die Hälfte des Ladenpreises“, so ein Sprecher der Polizei. Meist werden die Diebe mit Waren um die 30 Euro erwischt, in einigen Fällen auch mehr.
Diebe im Maßanzug
Schon vor mehreren Monaten hatte die Polizei davor gewarnt: Die Zahl der Diebstahldelikte steigt angesichts der zunehmenden Armut drastisch an, und zwar vor allem in Mallorcas Supermärkten. Erschreckend: Waren es früher hauptsächlich Drogensüchtige und Obdachlose, die aus den Regalen ihre Lebensmittel und Alkoholika stibizten, tragen die Diebe heute auch schon mal einen Maßanzug.
Soraya Fernandez ist Verkäuferin in einem Supermarkt. Letzte Woche ertappte sie einen gepflegten 50jährigen Mann dabei, wie er zwei Pakete Fleisch unter seinen Mantel steckte. Sie fragte den Mann erstaunt, warum er das getan habe. Die ehrliche Antwort: “Ich kriege kein Arbeitslosengeld mehr. Ich habe Hunger.”
Laut Palmas Polizei hat sich die Zahl der Lebensmitteldiebstähle 2008 mehr als verdoppelt. Der Grund: Die Zahl der Arbeitslosen ist auf über 70.000 angestiegen, und Arbeitslosengeld erhalten längst nicht mehr alle von ihnen. Und mit 900 Euro vom Sozialamt kann man auf Mallorca keine 4köpfige Familie ernähren. Jeder sechste Einwohner der Inseln gilt als arm, hat also weniger als 600 Euro im Monat zur Verfügung.
Immer mehr Einbrüche
Doch nicht nur die Ladendiebstähle nehmen zu, auch Einbrüche und Überfälle auf Supermärkte häufen sich. Im Dezember verzeichnete die Polizei allein in Palma drei Überfälle auf Lebensmittelläden innerhalb von drei Wochen. Mal wurden die Angestellten mit Gaspistolen bedroht, mal wird ein Laden nachts aufgebrochen und der Tresor geräumt.
Die Erklärung für dieses Phänomen liegt auf der Hand: Während in anderen Läden das Geschäft wegen der Krise eher schlecht läuft, sind die Supermärkte eine zuverlässige Geldquelle für Einbrecher. Ein Polizist bringt es sarkastisch auf den Punkt: “In eine Immobilienagentur einzubrechen, lohnt sich für die Täter momentan wohl kaum.”
Alexandra Wilms
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