Das Schweigen der Lämmer

Bald ist es wieder so weit: Vermummte Ge­stal­ten mit spitzen weißen Kapu­zen und Eisenketten werden am Gründonners­tag das jährliche Osterfest in den Strassen Palmas einläuten. Das kirchliche Os­tern hat für viele Spanier auch heute noch einen hohen Stellenwert. Im überwiegend katholischen Mal­lorca fallen die Feier­lich­keiten zu Ehren der Kreu­zigung Jesu entsprechend prunkvoll aus. Die ersten Prozessionen finden schon am Palm­sonn­tag (5. April) statt. Es werden Gottes­dienste abgehalten und im Anschluss die Gläubigen mit Palm­zwei­­gen gesegnet. Die Zweige symbolisieren die Ankunft Christi in Jerusalem.

Pasqua, wie Ostern auf Mallorca genannt wird, beginnt offiziell am 9. April mit der Blutprozession (Processió de la Sang). Ab 19 Uhr ziehen rund 30 Laienbruderschaften mit riesigen Holzkreuzen oder geschmückten Altären mit Heiligenfiguren durch die Straßen Palmas. Insgesamt über 50 Bruder­schaften (Cofradías) gibt es auf Mallorca. Die Mitglied­schaft wird vom Vater auf den Sohn vererbt. Mitt­lerweile haben sich auch einige Frauen in Schwes­tern­schaften organisiert und tun es den Männern gleich. Die auffällige Kapu­ze dient dabei lediglich der Anonymität des Büßers. Der Karfreitag (Divendres Sant) ist geprägt von geistlichen Schauspielen und weiteren Prozessionen, die sich über die ganze Insel verteilen. Mit Anbruch der Dunkel­heit beginnt am Karfreitag die stimmungsvolle Prozes­sion vom Kal­varienberg zur Pfarrkirche in Pollença (Devallement). Gegen 23 Uhr findet die besonders se­henswerte “Heilige Grab­le­gung” (Sant Entiero) in Sineu statt. Der Ostersamstag verläuft eher ruhig und ohne viel Trubel. Am Ostersonntag werden aber wieder inselweit feierliche Ostermessen zelebriert. Besonders Lluc­major ist an diesem Tag als Ausflugsziel zu empfehlen. Nach der Messe in der Pfarrkirche, die um acht Uhr beginnt, tragen die männlichen Büßer die Je­susstatue und die Frauen die Marienstatue von der Kirche zum Rathaus­platz. Am Ostersonntag findet am frühen Morgen eine letzte Prozession statt. Bei dieser treffen sich der gerade auferstandene Jesus und Ma­ria. Vor Freude über dieses Wiedersehen springt die Maria drei Mal in die Luft (“els tres botets”). Applaus und Glockengeläut ertönen. In diesem Moment ist die Fastenzeit beendet und das Osterfest kann beginnen. Eine typisch mallorquinische Tradition beginnt in der Woche nach Ostern: Es ist die Woche der Panca­ritats, einer Tradition aus dem Mittelalter. Damals nahmen die wohlhabenden Bürger Mallorcas den Sonntag nach Ostern zum Anlaß, Brot an die Armen zu verteilen. Daher kommt auch der Name Pancaritats (pa amb caritat: “Brot mit Wohltätigkeit”). Heutzu­tage ist diese Feier nicht mehr auf den Sonntag nach Ostern festgeschrieben. Viele Dörfer feiern das ehemalige Gnadenfest auch unter der Woche, vor allem am Ostermontag und am Dienstag. Doch statt Brot zu verteilen, treffen sich die Gemeinden heute zu einer traditionellen Wanderung mit anschließendem Pick­nick. Meist findet ein Ausflug aufs Land oder in die Berge, beispielsweise zu einer Einsiedelei statt. Dort packt die Dorfgemeinschaft ihre Picknickkörbe aus und genießt die österlichen Köstlichkeiten im Schatten der Bäume. Kulinarisch hat Mallorca zu Ostern für jeden Ge­schmack etwas zu bieten. Zwar sind die meisten Spe­zialitäten heute das ganze Jahr durch erhältlich, ur­sprünglich wurden sie aber nur zum Osterfest hergestellt, um das Ende des Fas­tens gebührend zu fei­ern. Über die Feiertage werden auf Mallorca traditionell Panades gegessen, das sind halbrunde Taschen aus Mürbeteig mit herzhafter Füllung (Fleisch oder Fisch, dazu Gemüse, Rosinen und Pinienkerne). Teigtaschen, die mit süßer Marmelade oder Quark gefüllt sind, heis­sen Rubiols. Aus den Teig­resten werden traditionell die Plätzchen namens Cres­pells gebacken. Nach einem katalonischen Brauch be­kommen Kinder ein Mona de Pascua, ein mit Kon­fitüre gefülltes Hefe­gebäck, von ihren Paten ge­schenkt. Eine besonders clevere Idee hatte schon letztes Jahr die Öko-Land­wirt­schafts­genossenschaft “Ecoilla” in Zusammen­arbeit mit dem Land­wirt­schaftsministerium der Ba­learen: Wer will (und nicht vor Mitleid zum Vegetarier wird), kann sich am letzten Mittwoch vor Ostern auf dem Wochen­markt von Si­neu sein lebendiges Oster­lamm aussuchen. Die Läm­mer werden am nächsten Tag ge­schlachtet, ausgenommen und dem Kunden frisch zum Osterfest nach Hause geliefert.
am

1