Rätselhafte blaue Flecken
Vernachlässigt, falsch medikamentiert und wund gelegen: Die Angehörigen von Bewohnern des privaten Pflegeheim Crist Rei in Inca hatten allein im vergangenen Jahr über 20 Anzeigen gegen das Heim eingereicht. Passiert ist lange Zeit nichts, doch vor zwei Monaten häuften sich die Anzeigen derart, dass die Guardia Civil endlich eine Untersuchung der Fälle anordnete.
Mitte April wurden schließlich die Direktorin wie auch die leitende Krankenschwester des privat betriebenen Heimes verhaftet, die Vorwürfe: Misshandlung durch Unterlassung, Verstoß gegen die öffentliche Gesundheit und im Fall der Krankenschwester Rezeptfälschung und illegaler Medikamentenverkauf auf dem Schwarzmarkt. Während die Frauen dem Richter vorgeführt wurden, untersuchte ein Amtsarzt die Bewohner des Heimes und bestätigte die Vorwürfe: Viele der alten Leute wiesen Geschwüre wegen mangelhafter Pflege auf, einige hatten rätselhafte blaue Flecken, andere litten deutlich unter der Nachwirkung von falscher Medikation. Sowohl die Direktorin als auch die Krankenschwester wurden zwar inzwischen aus der Untersuchungshaft entlassen, müssen sich aber vor Gericht verantworten. Die Krankenschwester darf sich dem Heim zudem nicht mehr nähern. Sie hatte mithilfe von gefälschten Rezepten Beruhigungsmittel bezogen, die sie laut Anklage dann auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Versagt haben in diesem Fall vor allem die Kontrollmechanismen. Während sich die Gemeinde, der Inselrat und das Sozialministerium gegenseitig die Verantwortung in die Schuhe schieben, bleibt die Frage: Warum wurde nicht schon bei der ersten Anzeige eingeschritten? Angehörige mussten Medikamente selber mitbringen Angehörige von Bewohnern des Heimes berichten, dass sie schon seit Monaten selbst für die Beschaffung der notwendigen Medikamente sorgen, diese sogar selbst verabreichen, um sich der guten Versorgung ihrer Familienmitglieder sicher zu sein. Der Skandal hat dazu geführt, dass auf der Insel wieder lebhaft über die Versorgung alter Menschen im öffentlichen Gesundheitssystem diskutiert wird. Denn auf Mallorca wird die Gesellschaft immer älter, und in Zukunft werden auch für deutsche und englische Residenten noch mehr Pflegeplätze nötig sein als bisher. Zumal schon jetzt die Wartelisten auf einen Heimplatz lang sind: 1.800 Senioren stehen auf den Listen. 3.800 Heimplätze hat die Insel insgesamt zu bieten, fast 2.000 davon sind in privat betriebenen Heimen. Die Situation spitzt sich zu: In acht Jahren werden 16 Prozent der Inselbewohner über 65 Jahre alt sein. Wenn nur zehn Prozent Pflegefälle werden, bräuchte die Insel 16.000 Heimplätze. Bis 2010 sollen gerade mal 260 zusätzliche Plätze geschaffen werden. Weitere 250 Plätze sind geplant. Doch wird es überhaupt genug Pflegepersonal geben? Arbeitsrechtler verweisen auf die prekäre Lage der Pflegerinnen: Die körperlich und geistig anstrengende Arbeit wird mit 710 Euro im Monat bezahlt. Entsprechend schlecht ist die Motivation. Weil private Heimplätze mit Kosten zwischen 1.000 und 1.500 Euro im Monat für viele Angehörige nicht bezahlbar sind, boomt inzwischen die Schwarzarbeit: In den Dörfern sieht man immer mehr alte Menschen, deren Rollstuhl von einer südamerikanischen Pflegerin durch die Gassen geschoben wird. Die Frauen bieten persönliche Rundumbetreuung, wie sie im Pflegeheim undenkbar wäre. Doch offizielle Arbeitsverträge oder eine Ausbildung haben sie nur in den seltensten Fällen. Alexandra Wilms
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